PachthäuserBerlin

Selbstverwaltet Leben?

 

Gartenhaus e.V. Lottumstrasse - Selbstdarstellung

Gemeinsam im Kiez aktiv – mehr als 30 Jahre

Kinder, wie die Zeit vergeht…oder so ähnlich. Jedenfalls hat sich nun auch bei uns, den Bewohner*innen des selbstverwalteten Wohnhauses in der Lottumstrasse 10a, das Gefühl eingestellt, mal uns selbst und allen die es interessiert, zu berichten, was denn alles so passiert ist seit wir uns Ende der 1980-er Jahre zusammengefunden haben. Erinnern tut sich jeder Mensch verschieden und wir als Gemeinschaft haben das Glück auf ein fast schon kollektives Gedächtnis zurückgreifen zu können.
Das war schon überraschend, was da alles zu Tage kam.

Aber am besten der Reihe nach, denn alles hat seine Zeit und alles hat mit der jeweiligen Zeit zu tun. Am Anfang des gemeinsamen Weges stand eine recht einfache Frage: Wo können wir wohnen? Eine zu jeder Zeit wichtige Frage. Ende der 1980er Jahre, in Ost-Berlin, allerdings auch eine politische. Vielen ist der marode Zustand vieler Altbauhäuser in Ost-Berlin zu jener Zeit ein Begriff, die stadtplanerischen Vorstellungen des Berliner Magistrats zu diesem Thema aber oft nicht: Abriss und Neubau in Plattenbautechnik. Damit kam zu der Frage wo wir gemeinsam wohnen wollten (im Prenzlauer Berg) die Frage, wie dies zu erreichen ist.
Die um 1985 geplanten und bekannt gewordenen Flächenabrisse in Pankow/Prenzlauer Berg führten zur Gründung von Bürgerinitiativen, die an den Berliner Magistrat die Forderung stellten, dass die Wohngebiete in ihrer baulichen und sozialen Struktur erhalten bleiben und einer behutsamen Sanierung unterzogen werden sollen. Durch Widerstand konnte der Abriss in großem Maßstab verhindert und die historisch gewachsene Bausubstanz für die Stadt gesichert werden. So auch unser Haus.

Diese Bürgerinitiativen waren die Keimzelle unserer späteren Hausgemeinschaft. Durch diese Erfahrungen gewann die Frage nach dem „wie wollen wir gemeinsam wohnen und leben“ immer mehr an Bedeutung, zumal sich die Gesellschaft um uns herum immer mehr auflöste. Diese Frage nach dem Wie war jetzt die Motivation für das Hausprojekt. Der Wunsch nach Leben in Gemeinschaft. Ungezählte Schritte, Prozesse und Aktivitäten trugen zur Verwirklichung dieser Art des Lebens und Wohnens bei. Diese Selbstbestimmung haben wir als Idee aus der Zeit vor 1990 mit in die neue Gesellschaft genommen.

So fanden wir uns 1990 in einer endlich wieder ganzen Stadt und einem völlig neuen System wieder. Nach dem Fall der Mauer haben wir uns mit anderen Selbsthilfegruppen in Kreuzberg ausgetauscht und uns an der Gründung des Runden Tisches in Prenzlauer Berg beteiligt.

Es gab viel zu lernen, eigene Fehler zu korrigieren und vor allem zu verstehen, dass wir als Hausgemeinschaft erstmals von öffentlicher Seite als Partner wahrgenommen wurden. Schließlich hatte sich an der schwierigen Wohnraumsituation noch nichts verändert aber mit dem Berliner Senat gab es jetzt endlich eine Stadtregierung die die Probleme auch in Zusammenarbeit mit den Bürger*innen angehen wollte. Wohnraum sollte geschaffen werden und die Sanierung beginnen. Wir waren dabei!

1990 beschloss der Senat für Bau und Wohnungswesen ein 25 Millionen-Programm mit der Zielsetzung:
- Beseitigung und Vermeidung von Leerstand
- Förderung der Herausbildung von (Wohn - / Stadtteil- / Kiez-) Strukturen
- Unterstützung von Selbsthilfegruppen – Hilfe zur Selbsthilfe 
- Initiierung demokratischer Planungs- und Beteiligungsprozesse

Auf dieser Grundlage wurden in Ost-Berlin 34 Projekte von einer Projektkommission des Senates ausgewählt, zu der auch unser Hausprojekt zählte.
Unterstützung für unser Anliegen erhielten wir von der IBIS (Informations- und Beratungsinstitut für bürgernahe Stadterneuerung).
Im Juli 1990 wurde der Verein „Lottumstraße 10a Quergebäude" gegründet, der in den bestehenden und wachsenden Netzwerken aktiv war. Im Zuge des geplanten baulichen Selbsthilfeprojektes in der Lottumstraße 10a HH gründeten wir dann den „Gartenhaus e.V." im März 1992 und lösten den Vorgängerverein auf.

Mit der Festlegung des Sanierungsgebietes „Teutoburger Platz/Oderberger Straße" durch die Senatsverwaltung waren wir auch an der Gründung, dem Aufbau und dem Betrieb der Betroffenenvertretung „Teutoburger Platz" beteiligt. Zusammen mit der BV „Oderberger Straße" haben wir Einfluss auf die Kiez-Struktur nehmen können. Wurden immer häufiger zu Beratungen hinzugezogen. Helfen, Hilfe annehmen und aktiver Teil der Stadtentwicklung sein – genau so anstrengend wollten wir uns in unserem Kiez bewegen.

Alles war in Bewegung und wir waren unter anderem maßgeblich an der Gründung der Bürgerinitiative "Leute am Teute" und des sozio-kulturellen Zentrums "Pfefferberg" beteiligt und versäumten nicht die Vernetzung im Kiez mit anderen sozial engagierten Initiativen voranzutreiben und danach zu pflegen. Mit dem Abschluss des Fördervertrages mit der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen im November 1992 begann eine äußerst intensive Bauphase für alle Bewohner*innen, da wir einen nicht unerheblichen Teil der Sanierung durch Eigenleistung zu erbringen hatten. Mit der Aushändigung der bis heute gültigen Einzelmietverträge fand dieser Prozess 1996 seinen folgerichtigen Abschluss.

In dieser Zeit standen wir im ständigen Austausch mit anderen „Selbsthilfe-Häusern" und haben uns gegenseitig unterstützt – allein in der Lottumstraße gab es vier weitere Wohnprojekte. Trotz der gelegentlich turbulenten Bauphasen, haben wir uns an der baulichen Umgestaltung des Teutoburger Platzes beteiligt. Betreuten weitere Freiwillige, da dieser Umbau überwiegend ehrenamtlich umgesetzt wurde. Das war für alle Beteiligten eine schöne und anstrengende Erfahrung.

Da der Teutoburger Platz für das Leben in unserem Kiez eine herausragende Rolle spielt möchten wir hier auf die gemeinschaftliche Neugestaltung kurz näher eingehen. Zumal ein Mitbewohner direkt in die Planung und fachliche Umsetzung der Neugestaltung eingebunden war.

Der Teutoburger Platz hat eine mehr als 100-jährige Geschichte mit vielfältigen Facetten. Dieser gründerzeitlich geprägte Platz (Blockstruktur, Straßenraster) befand sich 1990 in einem heruntergekommenen und wenig frequentierten Zustand. Die Umgestaltung sollte den Platz neu beleben und hierbei alle Anwohner*innen und die im Einzugsgebiet liegenden Schulen, Kindertagesstätten und Gewerbeeinrichtungen einbeziehen.

Im Zusammenwirken mit der 1992 gegründeten Bürgerinitiative entstand ein lebendiger Stadtplatz, der von der Bevölkerung gut angenommen wird. Ein wirklich gelungenes Beispiel für damals neue Formen der Kooperation zwischen selbstverwalteten Strukturen/Akteuren und kommunalen Institutionen. Es macht Freude, den Eltern mit ihren Kleinkindern beim Spielen zuzusehen und den größeren Kindern und Jugendlichen beim Ballspiel. Eine Oase, die Bewegung und Ruhe zugleich ausstrahlt.

Dieser bis heute lebendige Platz ist das Werk vieler und es finden die unterschiedlichen sozialen Gruppen ihre Nische, verbunden mit der Bereitschaft, sich für ihren Platz zu engagieren. Die sich über Jahre bewährte Beteiligung der Anwohner*innen und Nutzer*innen soll auch weiterhin die Lebendigkeit des Platzes nachhaltig fördern. Das ist Kiezleben für uns und ein Gegenentwurf zum vereinzelten Leben in Anonymität, welches viele Menschen in Berlin betrifft.

Diese Offenheit und Interessiertheit in den Kiez hinein sollte natürlich keine Einbahnstraße sein. Wer sich für andere Menschen und ihre Lebenssituation öffnet, der sollte auch seinen eigenen Lebensraum, sein Haus für andere öffnen. Daher hat sich der Austausch mit unserer Nachbarschaft auch schon von Anfang an in unseren Räumen abgespielt. Dabei hat sich die Art des Austausches und der Interaktion mit den Jahren, so wie wir, verändert.

Die alltäglichen Dinge, die wir in den ersten 10 Jahren mit unseren Nachbar*innen organisiert haben, ergeben dann in ihrer Gesamtheit doch ein Bild von Nähe und gelebtem sozialen Engagement.

Gitarrenunterricht und Proberaum
Wie üblich für Häuser unserer Art besetzten wir verschiedene Nischen, an denen es damals wie auch noch heute mangelte. Proberäume für Musiker*innen war einer dieser Engpässe.
So beschlossen wir den Auf- und Ausbau eines Proberaums.
Schnell sollte sich herausstellen, dass unsere Fähigkeiten einen Raum schalldicht zu gestalten, klar überschätzt wurden. „Glücklicherweise“ hatten viele Häuser das gleiche Problem. So entwickelte sich die Idee der Zusammenarbeit betroffener Häuser. Durch Bereitstellung von beispielsweise Dämmmaterial aus der Fehrbelliner Straße sowie der Schönhauser Allee konnte das Lautstärkeproblem halbwegs behoben werden.

Schnell entwickelten sich Ideen, wie wir uns in der Nachbarschaft beliebt machen könnten. Es war noch schwierig mit alteingesessenen Anwohner*innen in Kontakt zu kommen. So entstand der Gitarrenkurs für blutige Anfänger*innen in unserem tagsüber freien Proberaum. Zu unserer Überraschung waren die Teilnehmer*innen viel älter als wir und so wurde aus der vermeintlich Rock N`Roll orientierten Gitarrenschule in kurzer Zeit ein Kurs mit Schwerpunkt Volks- und Kinderlieder. Da wir den älteren Damen und Herren den dunklen Proberaum nicht zumuten wollten, verlagerten sich die Gitarrenkurse in die Wohnungen. Das wiederum hatte zur Folge, dass aus dem Gitarrenunterricht ein Kaffeekränzchen wurde. Immerhin wurden so, wenn auch ungeplant, die ersten Kontakte mit unseren Nachbar*innen geknüpft.

Mit der beginnenden Gentrifizierung löste sich allerdings auch der Kaffeeklatsch nach und nach auf.

Der Proberaum von vielen jungen, aufstrebenden Bands war derart hoch frequentiert, dass wir nach einer Lösung suchen mussten. So begann die Zusammenarbeit mit dem Kulturprojekt Schokoladen Berlin in der Ackerstraße. Die Bands und wir konnten mit unserem erworbenen Know-How im Schokoladen neue Proberäume ausbauen. Mit dem Umzug der Musiker*innen kehrte auch für uns wieder mehr Ruhe ein.

Fahrradwerkstatt
Dem glücklichen Umstand eine kleine Garageneinfahrt zu haben ist, es zu verdanken, dass wir aus einem anfänglichen Hobby eine semiprofessionelle Fahrradwerkstatt aufbauen und diese ca. sechs Jahre mit Hilfe etlicher Nachbar*innen in Betrieb halten konnten.
Da die meisten Fahrradteile aus den Kellern unserer Nachbar*innen stammten und uns kostenfrei überlassen wurden, war es für jeden möglich, sein Fahrrad ohne jegliche Kosten zu reparieren. Handwerklich begabte Nachbar*innen gaben Ratschläge sowie Tipps und Tricks weiter wie aus Alt Neu wird.

Seit einigen Jahren öffnen wir unsere Werkstatt für einige Wochen im Frühjahr, um Fahrräder wieder startklar zu machen.

Offenes Fotolabor
Im Keller des Hauses wurde ein kleines Fotolabor eingerichtet, wo Negative vergrößert und Fotos schwarz/weiss abgezogen werden können. Ein Belichtungstisch ist auch vorhanden. Zwei fotoleidenschaftliche Bewohner erklären und begleiten Interessierte bzw. Neugierige in die Prozesse des Fotolabors. Viele Freunde, Freunde von Freunden und Nachbar*innen sind über Mundpropaganda zu unserem Fotolabor gekommen, haben ihre Fotos selber gedruckt und viel praktisches Wissen mitgenommen. Ab 2020 finden kostenlose Nachmittage für Fotodruck mit alten Verfahren (Salzdruck, Cyanotopie). Die lichtempfindliche Verarbeitung des Papiers findet im Garten statt. Wenn die Sonne scheint…

Küfa
Küche für alle In den Räumen des Bandito Rosso, das sind die Vereinsräume unseres Vorderhauses, findet die Küfä statt. Jeden Freitag wird ein veganes Menü bestehend aus drei Gängen gegen Spende angeboten. Es gibt zwei Kochgruppen die sich abwechseln. Bewohner*innen aus Vorder- und Hinterhaus der Lottumstraße 10a teilen sich eine Kochschicht. Es gibt eine kleine aber funktionale Küche in der an den Küfa-Abenden 50 bis 60 Essen gekocht und ausgegeben werden.

Treffpunkt Garten
Und manchmal ist das Drinnen und das Draußen inhaltlich nicht mehr zu trennen. Durch die fachlich kompetente Planung und Beratung unseres Mitbewohners Jens konnte der topografisch interessante Gartenbereich unseres Hauses durch viel Eigeninitiative renaturiert und verkehrssicher gemacht werden. Dem Standort angepasste Pflanzenauswahl und die Vielfalt der Gewächse ergeben einen naturnahen und gerade für Insekten und Vögel wichtigen Lebensraum. Natürlich lassen wir in den trockenen Sommermonaten auch die Bäume in der Lottumstraße nicht verdursten. Dieser Garten ist nicht nur ein über Jahrzehnte genutzter Treffpunkt der Nachbarschaft sondern war auch immer wieder Anregung für Menschen im Kiez ihre eigenen Höfe und Hausgärten zu erneuern. Gemeinsame Konzerte, Lesungen und Kinoabende waren und sind Teil unseres Alltags. Nicht immer lange geplant, denn offene Situationen mit Platz für spontane Treffen machen Begegnungen umso schöner.

Schokoladen e.V.
Für größere Veranstaltungen unterstützen wir seit vielen Jahren den Schokoladen, denn nicht erst seit der Zeit unserer Proberaum-Experimente sind der Schokoladen e.V. und das Gartenhaus auf das Engste verbunden. Viele Bewohner*innen unserer beiden Häuser engagieren sich im Schokoladen ehrenamtlich, sowohl am Kulturprogramm als auch an der Ausgestaltung und grundlegende Sanierungen von Räumen. So findet ein reger Kulturaustausch zwischen den Projekten statt.

So ein Haus steht ja auf festem Grund und ist doch nur ein Raum in einer sich ab Mitte der 1990-er Jahre rasant verändernden Umgebung. Unser Bezirk, der Prenzlauer Berg, hatte es in Rekordzeit vom Ostberliner Boheme Bezirk zum hippen, durchsanierten Bezirk für meist junge Menschen gebracht. In kaum einem Berliner Bezirk war der Austausch, bzw. die Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung so radikal wie in unserer Nachbarschaft. Diese Entwicklung hat sich seit Mitte der 2000er Jahre noch einmal stark beschleunigt. Die Zivilgesellschaft ist in Bewegung und stadtweit wird die über Jahrzehnte gepredigte Marktlogik für den Wohnungsbereich in Frage gestellt.

Wir leben heute in einer anderen Stadt und sehen die Veränderungen in unserer Nachbarschaft aufgrund unserer langjährigen Verwurzelung im Kiez sehr kritisch.

Irgendwann waren keine Omas und Opas mehr auf den Straßen zu sehen und Stück für Stück zogen Nachbar*innen und Freund*innen weg aus dem Kiez. Je stärker die Idee von der Stadt als Investitionsgegenstand und Renditeraum wurde um so stärker wurde auch unser Verständnis für die Bedeutung von sozialer Teilhabe und die Verteidigung kooperativer Lebensformen. Damit bekam die gemeinsame Idee einer Stadt als Raum für Menschen unterschiedlichster sozialer, kultureller und ethnischer Prägung eine neue Bedeutung. In der Folge dieser Veränderungen hat sich auch unser Engagement im Kiez verändert, da neue Probleme wie Obdachlosigkeit, geflüchtete Menschen und auch die teilweise Sprachlosigkeit zwischen Neu- und Altberliner*innen in den Fokus traten.

Lothar (obdachlos)
Seit fünf Jahren bezieht Lothar ab dem frühen Abend unseren Durchgangsbereich. Der heute 65jährige Mann wurde arbeitslos, als der Kohlenhandel in der Anklamer Straße schloss, dann wurde er obdachlos. Tatsächlich war der Kohlenhandel nicht nur sein Arbeitsplatz, dort lebte er auch. Für uns ist es selbstverständlich, dass Lothar hier seinen Schlafplatz hat. Mittlerweile hat er ein Bett, eine Matratze, Decke und Kissen. Eine abschließbare Aufbewahrungsmöglichkeit seiner Güter wurde überlegt und sofort in die Tat umgesetzt. In den kalten Monaten bekommt Lothar eine Wärmflasche sowie viele andere überlebenswichtige Dinge. Es wird bei Behördengängen, bei der Suche nach einer Wohnung/Unterkunft geholfen und selbstverständlich sind wir mit dem Berliner Kältebus in Kontakt. Und vor allem kennt, grüßt und unterhält man sich, ohne dass der soziale Status im Vordergrund steht. Es besteht ein gegenseitiges Verhältnis voller Vertrauen, Respekt, Toleranz und Hilfsbereitschaft. So ist auch Lothar zu unserem Nachbar geworden. Zusammenarbeit mit dem „Club der polnischen Versager“ Der Club der polnischen Versager befindet sich seit 2007 in der Ackerstr. 169/170 in Mitte. Der Club wurde zu einem Aushängeschild und einer Anlaufstelle für viele, die sich mit der Idee des Versagens auseinandersetzen wollten. Sehr schnell wurde der Club der Polnischen Versager zu einer Plattform für eine neue, unbelastete deutsch-polnische Kommunikation. In Form von Kunstaktionen, Vorträgen, Diskussionen und Talkshows beanspruchten die Macher*innen des Clubs das Sprachrohr ihrer Generation auf deutschem Boden zu sein. Der Club der Polnischen Versager ist kein kommerzieller Club. Alle Mitarbeiter*innen sind ehrenamtlich tätig. So wie wir ehrenamtlich DAZKurse (Deutsch als Zweitsprache), in Zusammenarbeit mit dem „Club der polnischen Versager“, für geflüchtete Menschen geben. Wenn Sprache der Schlüssel für soziale Teilhabe ist, so ist gemeinsames Erleben der soziale Raum, der, einmal geöffnet, Menschen in ihrem Umfeld ankommen lässt. Die Hausgemeinschaft wollte nie eine „Insel“ sein, vielmehr vertrauen wir auf die Kraft von Dialog und Austausch. Viele Menschen haben das Bedürfnis nach gemeinsamen erleben und Kommunikation außerhalb immer gleicher Kontexte. Das Bedürfnis nach Nachbarschaft und Gemeinschaft wächst. 6 In den letzten Jahren konnten wir erleben, dass auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft viele Menschen leben die sich offen für neue Wege und Ideen des zusammen Lebens zeigen. Letztlich sind Wohnprojekte Experimentier- und Übungsfelder für die Gesellschaft. Sie schaffen Freiräume, in denen sich Neues, Zukunftsfähiges entwickeln kann. Dabei spielen Fragen wie die demografische Entwicklung und die Stärken einer Mehrgenerationen-Gemeinschaft genau so eine Rolle wie der Wunsch nach Beteiligung und Selbstbestimmung bei der Gestaltung des sozialen Umfelds und der Wohn- und Lebenssituation. Dies alles demokratisch und unabhängig von Eigentumsverteilung zu denken und zu diskutieren ist auch ein Beweggrund gewesen unser Haus in den letzten Jahren auf neue Art für die Nachbarschaft zu öffnen. So wenig wie wir eine isolierte Insel sein wollen, so wenig sollte unser Kiez und Bezirk eine nur sich selbst bespiegelnde Mittelstands-Blase sein. Wir haben uns überlegt, wie können wir Vorbehalte und aus nichterlebten gespeisten Stereotypen auf beiden Seiten abbauen? Kennenlernen! Kaffeekränzchen In der warmen Jahreszeit (Mai-September) gibt es monatlich, in unserem schönen Garten, ein sonntägliches Kaffeekränzchen. Dazu sind alle Bewohner*innen aus der Nachbarschaft herzlich eingeladen. Wir backen Kuchen, kochen Kaffee und Tee. Das Kennenlernen und Vernetzen der KiezBewohner*innen in der angenehmen Atmosphäre unseres Gartens steht hier im Vordergrund. Ob Familien mit Kindern oder einzelne Personen, junge, ältere Menschen, alteingesessene oder zugezogene Berliner*innen, alle sind willkommen. „Hier treffen Leute zusammen, die sich sonst nicht begegnen würden.“ (O-Ton Kaffeekränzchen-Besucher) Sitzt man entspannt beisammen, entstehen aus Gesprächen Ideen und aus Ideen werden dann schnell neue Projekte. So wäre es doch schön gemeinsam etwas mit den Händen zu machen: Töpferkurs Der Töpferkurs findet jeden Sommer in unserem Garten statt. Die Teilnehmer*innen kommen aus der Nachbarschaft, geworben wurde über Plakate in der näheren Umgebung. Der Töpferkurs bietet Entspannung, gemeinsames Töpfern, Teetrinken und Kennenlernen. Diese Kurse werden in der Nachbarschaft sehr gut angenommen. So mussten wir aufgrund der großen Begeisterung einige Male die Kurse auch im Winter in unseren Kellerräumen weiterführen. Entstanden sind neben Verbundenheit und das Erleben der schönen gemeinsamen Abende viele tolle Exponate. Die Kurse sind unentgeltlich und werden durch eine kompetente Nachbarin angeleitet. Und ja, es darf auch mal einfach nur schön sein. Sommerstimmung in unserem und den anliegenden Gärten und Balkonen. Menschen kommen zusammen und dann passiert etwas Unerwartetes. Balkonkonzerte In Zusammenarbeit mit dem Chor „Sing dich glücklich“ des Nachbarschaftshauses am Teutoburger Platz entstand die Reihe „Balkonkonzerte “. Der Chor präsentiert sein neuestes Programm und verteilt sich dazu auf unseren Balkonen und ist so im näheren Umkreis gut zu hören. Der tobende Applaus der Nachbarschaft ist für den Chor gleichermaßen toll wie auch für uns als Veranstalter. Das positive und zuweilen sehr emotionale Feedback aus der Nachbarschaft war überwältigend und hat gezeigt wie aus einer kleinen Idee ein positives Erlebnis für viele werden kann. Das waren wirklich ganz besondere Momente. Auch ohne Balkonkonzerte und Kaffeekränzchen ist im Garten einiges los. Seit einem Jahr ist ein deutlich stärkeres Summen zu hören. Unsere neuen Mitbewohner*innen sind fleißig. 7 Bienen auf dem Dach Bisher haben zwei Bienenvölker eines zertifizierten Imkers auf unserem Dach ihr zu Hause gefunden. Zwei Königinnen und ca. 120.000 Bienen sind nun auch Kiezbewohner. Charakteristisch für diese Bienen aus der Linie Buckfast ist ihr nicht aggressives Auftreten und Interagieren mit den Menschen. Für beide Bienenvölker ist ein Gesundheitsschein vorhanden; sie sind wohlauf und glücklich. Daraus ergibt sich eine sinnvolle Partizipation für eine grüne, ökologische Stadt. Die Bienen sind als Bestäuber in erheblichem Maße für den Erhalt und die Fortpflanzung der Pflanzenwelt verantwortlich. Wir organisieren Infoveranstaltungen in Form von Kaffeekränzchen über das spannende Thema „Bienen“. Der Andrang ist jedes Mal überraschend riesig; es kommen sehr viele neugierige Menschen aus der Nachbarschaft. Der Imker beantwortet die große Anzahl an Fragen der Nachbar*innen, informiert über das Bien, das Lebenssystem der Bienen, Honigproduktion und den fachgerechten Umgang mit den Bienen. Samenmischungen werden verteilt, für eine insektenfreundliche Umwelt. Natürlich haben wir im Gartenhaus e.V. bienenfreundliche Pflanzen und Blumen in unserem Garten und auf den Balkonen. Angebot Lottumhonig Unsere Dachbienen waren über den Sommer fleißig und produzierten insgesamt 70 Kilogramm Honig. „Stadthonig“ ist in vielerlei Hinsicht gesünder als „Landhonig“. In Gegensatz zu ländlichen Regionen gibt es in der Stadt keine Monokulturen, sondern eine vielfältige Auswahl an unterschiedlichen Blüten, was ein kontinuierliches Angebot an Nektar sichert. Außerdem findet kein großflächiger Einsatz von Pestiziden statt. Am Ende dieses Sommers fand in unserem Garten die Verkostung und der Verkauf des „Lottumhonigs Lottumstraße“ statt. Der Imker organisiert den Verkauf zum Selbstkostenpreis. So treffen sich alle interessierten Nachbar*innen in unserem Garten und haben Zugang zu einem (sehr) lokalen, umweltfreundlichen Lebensmittel. Ein Highlight ist dabei der direkte Kontakt zum Imker, da er auf alle Fragen eine Antwort hat (wie, wann, und warum produzieren Bienen Honig?). Zentrales Thema ist die Sensibilisierung für Bienen, warum sie so wichtig sind und wie man sie unterstützen kann (z.B. mit bienenfreundlichen Pflanzen in Innenhöfen, auf dem Balkon). Beim Honig-Nachmittag in diesem Jahr (September 2019) wurden über 50 Gläser schnell verkauft. Das Interesse im Kiez ist definitiv sehr groß! So sind in den letzten Jahren neue soziale Beziehungen hier im Kiez um die Lottumstrasse 10a entstanden. Brücken wurden gebaut und gegenseitiges Verstehen gefördert. Damit leisten wir ganz bewusst einen Beitrag zum so genannten Sozialkapital. Darunter versteht man den sozialen Zusammenhalt innerhalb einer Gemeinschaft: Beziehungen, die Menschen auf unterschiedlichen Ebenen miteinander haben sowie die Fähigkeiten zur Selbstorganisation, Gruppenbildung und zivilgesellschaftlichem Engagement. In der Qualität der sozialen Beziehungen liegt der Schlüssel zur positiven nachhaltigen Entwicklung des Gemeinwesens. Leben in Gemeinschaft ist eine komplexe Angelegenheit und fordert die Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Es braucht Zeit und Ressourcen von allen, damit das Zusammenleben gelingt. Eine gute Gemeinschaft muss Tag für Tag und Jahr für Jahr erarbeitet werden und reift erst im Zusammenleben. Daher ist für dieses weitere Zusammenleben und für die Kontinuität unseres Engagements im Kiez die Frage der Planbarkeit unserer Pachtsituation existentiell wichtig. Wir befinden uns seit geraumer Zeit in Verhandlungen über die Verlängerung unserer Pacht und damit über die Zukunft unserer Hausgemeinschaft. Da wir schon früh gelernt haben, dass Austausch und Kommunikation wichtig sind, um die eigenen und die Interessen anderer vertreten zu können, haben wir uns mit vielen anderen Pachthäusern in Berlin vernetzt. 8 Netzwerk der Pachthäuser Auf Initiative des Gartenhaus e.V., Lottumstrasse 10a, wurde das Netzwerk der Berliner selbstverwalteten Pachthäuser initiiert. Wir haben die uns bekannten Pachthäuser gesucht, kontaktiert und viele von dem gemeinsamen Projekt überzeugt. Seit Januar 2019 trifft sich das Netzwerk monatlich. Mit dem Netzwerk wurde eine Plattform geschaffen, in der die Bewohner*innen Erfahrung, Wissen und Strategien austauschen können und nicht alleine sind mit ihren Sorgen und Fragen (z.B. im Fall von neuen Vertragsverhandlungen). Das Netzwerk versteht sich als eine Interessenvertretung der Berliner selbstverwalteten Pachthäuser, gemeinsam werden Forderungen formuliert. Wir sind auch Berlin, unsere Lebensform (Selbstverwaltung) wollen wir bekannter machen und verteidigen. Mittlerweile sind 15 Häuser berlinweit im Netzwerk, mit ihren eigenen Geschichten und bei verschiedenen LWUs. Eins ist klar: gemeinsam ist man stärker! Selbstverwaltung Wir sind eine selbstverwaltete Hausgemeinschaft. Das heißt konkret, dass nicht jede/r für sich in seiner/ihrer Wohnung wohnt, sondern dass wir miteinander leben. Gemeinsam treffen wir alle Entscheidungen über das Haus (Anschaffung, Begrünung, Projekte, Reparaturen) und übernehmen alle Tätigkeiten selber. Der Dialog und die demokratischen Entscheidungsprozesse stehen dabei im Mittelpunkt. So ist unser Haus in jeder Hinsicht der Ausdruck von den Bewohner*innen, entspricht unserem Engagement, unserer Vision des Lebens und nicht den von einer externen Hausverwaltung. Wir sind von unserer Lebensform (Selbstverwaltung) überzeugt und begeistert. Und diese Begeisterung teilen wir mit den Menschen die uns begegnen. Für viele ist es eine Überraschung, eine Entdeckung, dass Wohnen bzw. Leben auch anders geht und Mitbestimmung möglich ist. Demokratie leben ist auch anstrengend und braucht Zeit. Dieser Lebensentwurf ist mit viel Muskelhypothek und Herzblut Realität geworden. Unser höchstes Gremium ist der wöchentlich stattfindende „jour fixe“ und die Mitgliederversammlung. Themen sind zum Beispiel unsere neuen Projekte wie die Regenwassernutzungsanlage, Solarstrom, Dachbegrünung sowie Fledermausnistkästen aber auch Reparaturen im und am Haus sowie zahlreiche Projekte mit der Nachbarschaft. Basisdemokratische Konsensentscheidungen. kuswo Das Netzwerk der Pachthäuser ist mit der kuswo eng verknüpft. Als Gartenhaus e.V. sind wir bei der kuswo dabei, nehmen regelmäßig an die Treffen teil. Es ist eine gute Erfahrung zu wissen, dass es in Berlin noch andere Pachthäuser und Organisationen gibt und sich darüber hinaus immer mehr Mieter*innen zusammenschließen, um sich in der Frage der Wohnungspolitik einzubringen. Mit Nachdruck und klaren Forderungen sollen so die statischhierarchischen Strukturen der Wohnungswirtschaft in Frage gestellt werden. Demokratie beginnt im Kleinen – im unmittelbaren Wohnumfeld, im Stadtteil, in der Gemeinde: Hier sind Entscheidungsprozesse für jede/n Einzelne/n noch nachvollziehbar, hier wird auch greifbar, welche Wirkung das eigene Engagement hat. Eine Stärkung der lokalen und regionalen Mitwirkungsmöglichkeiten kann also die Bereitschaft zur Beteiligung erhöhen. Kooperative Wohn- und Lebensformen sind (auch) eine lebendige Schule für Beteiligung auf einer abstrakteren politischen Ebene. Ausblick in die Zukunft Die Stadt verändert sich und die Bedingungen des Lebens in der Stadt haben sich auch in klimatischer Hinsicht in den letzten Jahren sehr verändert. Nachdem in den letzten Jahren schon unsere Erfahrungen in der Gartenpflege von vielen Nachbarn genutzt wurden wollen wir, in Zusammenarbeit mit der Grünen Liga und der Berliner Regenwasseragentur, die Begrünung unseres 9 Daches angehen. Da anfallende Reparaturen und nötige Instandsetzungen in der Vergangenheit von uns selbst durchgeführt wurden können wir nun das angesparte Geld in einem ökologisch wichtigen Projekt investieren. Die Erfahrungen aus Dachbegrünung und der möglichen Nutzung von Brauchwasser und Solaranlagen sollen mit der Nachbarschaft geteilt werden. Wissenstransfer erspart Zeit und Geld. Über die Grenzen unseres Kiezes hinaus möchten wir die langjährigen Erfahrungen zur Selbstverwaltung in einem Ratgeber bündeln und allen Mietern, die daran interessiert sind, zur Verfügung stellen. Natürlich werden die bisherigen, oben beschriebenen, Aktivitäten weiterlaufen. Wir freuen uns auf die nächsten 30 Jahre!